Arbeitsschutz aus Unternehmersicht

Wenn Sie im Baugewerbe tätig sind, kennen Sie das: Ein Unfall auf der Baustelle kostet nicht nur Nerven, sondern auch richtig viel Geld. Von Ausfallzeiten über Vertragsstrafen bis hin zu rechtlichen Konsequenzen – die Liste ist schier unendlich lang. Der Sigeko-Plan auf Baustellen soll genau das verhindern. Aber was steckt wirklich dahinter?

Warum Sie sich mit dem Sigeko-Plan auf Baustellen beschäftigen sollten

Doch wofür steht Sigeko eigentlich? Sigeko steht für Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination. Das klingt nach viel Bürokratie und leider ist es das teilweise auch. Aber es ist vor allem eine rechtliche Pflicht, an der Sie nicht vorbeikommen.

Die Baustellenverordnung schreibt vor: Sobald mehrere Gewerke auf einer Baustelle arbeiten, brauchen Sie auch einen koordinierten Plan. Ob Sie ein Bürogebäude hochziehen oder eine Industriehalle sanieren – ohne einen Sigeko-Plan auf Baustellen riskieren Sie empfindliche Strafen.

Trotzdem sehen viele den Sigeko-Plan auf Baustellen als lästige Pflichtübung. Dabei kann er Ihnen tatsächlich helfen, Ihre Baustelle besser zu organisieren – aber auch nur, wenn er richtig gemacht ist.

Was kostet es, wenn Sie keinen Sigeko-Plan auf Baustellen machen?

Ganz klar: Ein fehlender oder unzureichender Sigeko-Plan auf Baustellen kann Sie teuer zu stehen kommen:

Rechtlich gesehen: Die Berufsgenossenschaft und das Gewerbeaufsichtsamt sind nicht zimperlich. Bei Verstößen gegen die Baustellenverordnung drohen Bußgelder bis zu 25.000 Euro. Im Schadensfall können Sie als Bauherr oder Projektleiter dafür auch persönlich haftbar gemacht werden.

Betriebswirtschaftlich: Ein Arbeitsunfall bedeutet Produktionsausfall. Ihre Monteure stehen still, Termine geraten ins Wanken. Wenn beispielsweise der Kranführer ausfällt und Sie keinen Ersatz haben, liegt die ganze Baustelle brach. Jeder Tag Verzögerung kostet. Bei größeren Projekten reden wir schnell von mehreren tausend Euro täglich.

Versicherungstechnisch: Nach einem vermeidbaren Unfall wird Ihre Versicherung genau hinschauen. War der Sigeko-Plan vorhanden? Wurden die Maßnahmen umgesetzt? Falls nein, kann es mit der Schadensregulierung schwierig werden.

Die rechtliche Seite: Was genau verlangt das Gesetz?

Die Baustellenverordnung ist hier eindeutig: Sie definiert, wann ein Koordinator ran muss:

  • Sobald mehrere Arbeitgeber auf der Baustelle tätig sind
  • Bei besonders gefährlichen Arbeiten (Absturzgefahr über 7 Meter, Arbeiten mit Explosionsgefahr, etc.)
  • Wenn die geplanten Arbeiten mehr als 30 Arbeitstage dauern und mehr als 20 Beschäftigte gleichzeitig vor Ort sind

Der Koordinator – oft SiGeKo genannt – muss bereits in der Planungsphase mit eingebunden werden. Und das ist auch nicht optional. Er erstellt den Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan, prüft die Gefährdungsbeurteilungen der einzelnen Gewerke und überwacht die Umsetzung auf der Baustelle.

Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) und die Unfallverhütungsvorschriften der BG Bau ergänzen das Ganze. Da stehen die Details drin: Absturzsicherungen, Verkehrswege, Beleuchtung, Lärm- und Staubschutz.

Wichtig zu wissen ist hier, dass der Bauherr die Hauptverantwortung trägt. Sie können die Aufgabe zwar delegieren, aber die Verantwortung bleibt immer bei Ihnen. Wenn auf Ihrer Baustelle etwas schiefgeht, sind Sie in der Haftung.

Was gehört in einen Sigeko-Plan auf Baustellen?

Ein vernünftiger Sigeko-Plan ist mehr als eine Checkliste zum Abhaken. Er sollte folgende Punkte abdecken:

1. Gefährdungsbeurteilung Welche Risiken gibt es konkret auf Ihrer Baustelle? Absturzgefahr bei Dacharbeiten? Quetschgefahr beim Stahlbau? Gesundheitsgefährdung durch Asbest in Altbauten? Diese Gefahren müssen alle einzeln erfasst und bewertet werden.

2. Schutzmaßnahmen Für jedes identifizierte Risiko brauchen Sie konkrete Maßnahmen wie etwa Gerüste mit Seitenschutz, PSA-Vorgaben für die Monteure oder Absperrungen in Verkehrsbereichen. All das muss zudem schriftlich festgehalten werden.

3. Verantwortlichkeiten Wer ist wofür zuständig? Der Bauleiter kontrolliert die Absturzsicherungen. Der Polier weist die neuen Leute ein. Der Kranführer prüft täglich sein Gerät. Wenn Verantwortlichkeiten schwammig bleiben, funktioniert der Plan nicht.

4. Notfallpläne Was passiert bei einem Unfall? Wo ist der nächste Verbandskasten? Wie werden Rettungskräfte auf die Baustelle geführt? Bei Großbaustellen: Wo sind die Sammelplätze bei Evakuierung?

5. Baustelleneinrichtung Verkehrswege, Lagerflächen, Container-Standorte – das muss alles gut durchdacht sein. Wenn der Betonmischer nicht vernünftig rangieren kann, weil überall Material rumsteht, wird es für alle gefährlich.

6. Koordination der Gewerke Hier wird es oft kompliziert. Wenn Elektriker und Trockenbauer gleichzeitig in einem Stockwerk arbeiten, müssen die Abläufe abgestimmt sein. Sonst steht einer dem anderen im Weg – oder es passiert ein Unfall.

Wie Sie den Sigeko-Plan auf Baustellen in der Praxis umsetzen

Wie kann das im Tagesgeschäft umgesetzt werden?

Vor Baubeginn: Setzen Sie sich mit Ihrem SiGeKo zusammen. Gehen Sie den Plan durch. Stellen Sie sicher, dass alle Subunternehmer ihre Gefährdungsbeurteilungen vorlegen. Das ist oft mühsam, aber notwendig.

Machen Sie eine Baustellenbegehung, bevor es losgeht. Wo sind die kritischen Punkte? Welche Bereiche sind für Unbefugte zu sperren? Wo brauchen Sie zusätzliche Beleuchtung?

Während der Bauphase: Regelmäßige Kontrollen sind Pflicht. Nicht nur, weil die BG das verlangt, sondern auch, weil sich Situationen ändern können. Beispielsweise das Gerüst, das letzte Woche noch sicher war, kann heute durch Witterung oder Vandalismus beschädigt sein.

Führen Sie wöchentliche Sicherheitsbesprechungen durch (Zehn Minuten reichen oft). Besprechen Sie, was in der letzten Woche kritisch war und was in der nächsten Woche ansteht – denn Ihre Leute müssen wissen, wenn es gefährlich wird.

Bei neuen Mitarbeitern oder Gewerken: Jeder, der neu auf die Baustelle kommt, muss eingewiesen werden. Wo sind die Gefahrenstellen? Welche PSA ist Pflicht? Wo darf man rauchen, wo nicht? Das dauert vielleicht eine halbe Stunde, kann aber Leben retten.

Schulung: Ohne geht’s nicht

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Sie können den besten Sigeko-Plan haben – wenn Ihre Leute nicht wissen, was drinsteht, ist er nutzlos.

Erstunterweisung: Jeder neue Mitarbeiter braucht eine Sicherheitsunterweisung. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und muss dokumentiert werden. Zeigen Sie ihm die Gefahrenstellen und erklären Sie die Notfallprozeduren. Lassen Sie ihn unterschreiben, dass er alles verstanden hat.

Jährliche Wiederholung: Einmal im Jahr müssen Sie nachlegen – und das gilt auch für die alten Hasen. Erstens ist es Pflicht. Zweitens werden Leute nachlässig, wenn man sie nicht regelmäßig dran erinnert.

Spezielle Schulungen: Kranführer, Staplerfahrer, Gerüstbauer – die brauchen besondere Qualifikationen. Prüfen Sie die Nachweise. Ein abgelaufener Kranschein kann Sie in Teufels Küche bringen, wenn was passiert.

Toolbox-Talks: Kurze, gewerkeübergreifende Besprechungen direkt auf der Baustelle. Fünf Minuten, bevor es mit einer heiklen Arbeit losgeht. „Pass auf, heute arbeiten wir mit der Flex in der Nähe von Holzständern. Funkenflug ist ein Thema. Wir brauchen einen Feuerlöscher in Griffweite.” Sie werden sehen: Sowas wirkt.

Effizienz: Der unterschätzte Nebeneffekt

Jetzt kommt der Teil, den viele nicht auf dem Schirm haben: Ein guter Sigeko-Plan macht Ihre Baustelle nicht nur sicherer, sondern auch effizienter.

Beispiel Verkehrswege: Wenn Sie im Plan festlegen, wo Material gelagert wird und wie die Wege verlaufen, sparen Ihre Leute Zeit. Keine unnötigen Laufwege, kein Suchen nach Werkzeug. Das summiert sich über Wochen.

Beispiel Gewerke-Koordination: Wenn Sie im Voraus planen, wer wann wo arbeitet, vermeiden Sie Leerlauf. Der Maler kann nicht tapezieren, wenn der Trockenbauer noch nicht fertig ist. Klingt banal, läuft in der Praxis aber oft schief. Mit einem durchdachten Plan reduzieren Sie Wartezeiten.

Beispiel Materiallogistik: Bauteile, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind. Just-in-time funktioniert auch auf der Baustelle. Weniger Lagerfläche, weniger Diebstahl, weniger Aufwand beim Umräumen.

Kurz: Wenn Sie die Sicherheitsplanung ernst nehmen, strukturieren Sie automatisch Ihre Abläufe. Und das spart Geld.

Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden

Aus der Praxis ein paar Stolpersteine, die immer wieder auftauchen:

Fehler 1: Der Plan liegt in der Schublade Viele erstellen den Sigeko-Plan, weil sie müssen, aber dann verschwindet er im Büro. Auf der Baustelle weiß keiner, was drinsteht. Lösung: Hängen Sie wichtige Teile aus. Lagepläne mit Gefahrenstellen, Notfallnummern, Ansprechpartner. Sichtbar für alle.

Fehler 2: Fehlende Aktualisierung Die Baustelle entwickelt sich. Neue Gewerke kommen dazu, Arbeiten verschieben sich. Wenn Sie den Plan nicht anpassen, wird er schnell wertlos. Setzen Sie sich alle vier Wochen mit dem SiGeKo zusammen und prüfen Sie, ob noch alles passt.

Fehler 3: Subunternehmer werden nicht eingebunden Ihre Subs haben eigene Verpflichtungen. Die müssen ihre Gefährdungsbeurteilungen vorlegen und ihre Leute einweisen. Wenn Sie das nicht überwachen, haben Sie eine Lücke im System. Fordern Sie die Unterlagen ein – vor Arbeitsbeginn, nicht hinterher.

Fehler 4: Dokumentation fehlt Schulungen, Unterweisungen, Kontrollgänge – all das muss dokumentiert werden. Im Schadensfall müssen Sie nachweisen, dass Sie Ihre Pflichten erfüllt haben. Ohne Nachweis haben Sie ein Problem. Nutzen Sie einfache Formulare oder Apps – Hauptsache, es ist nachvollziehbar.

Fehler 5: Keine Konsequenzen bei Verstößen Wenn jemand ohne Helm auf der Baustelle rumläuft und nichts passiert, wird die Regel nicht ernst genommen. Sie müssen eingreifen. Gelbe Karte, rote Karte, notfalls Verweis von der Baustelle. Hart, aber notwendig.

Praxisbeispiele: Wo es funktioniert

Beispiel Industriehallen-Sanierung: Ein mittelständisches Unternehmen saniert eine 8.000 m² große Produktionshalle. Vier Gewerke arbeiten parallel: Dachdecker, Schlosser, Elektriker, Maler. Der SiGeKo plant die Zonen so, dass sich die Gewerke nicht ins Gehege kommen. Dachdecker oben, Elektriker im Erdgeschoss. Zeitliche Staffelung bei kritischen Arbeiten. Ergebnis: Null schwere Unfälle, Fertigstellung zwei Wochen vor Plan.

Beispiel Brückenbau: Arbeiten in 20 Meter Höhe, wechselnde Wetterbedingungen, Schichtbetrieb. Der Sigeko-Plan definiert klare Windgrenzen (Arbeitseinstellung bei Windstärke 6), tägliche Gerüstkontrollen und zweimal wöchentliche Sicherheitsbriefings. Besonders im Schichtbetrieb wichtig: Übergabeprotokolle, damit die Nachtschicht weiß, was die Tagschicht gemacht hat. Projekt läuft durch, keine Ausfälle.

Beispiel Gewerbepark-Neubau: Großbaustelle mit bis zu 80 Arbeitern gleichzeitig. Der Bauherr setzt auf digitale Tools: Jeder Sub lädt seine Gefährdungsbeurteilung in eine zentrale App. Wöchentliche Kontrollen werden per Tablet dokumentiert, Mängel sofort mit Foto festgehalten. Das spart Zeit und schafft Transparenz. Wenn die BG zur Kontrolle kommt, können alle Unterlagen sofort vorgelegt werden.

Digitale Hilfen: Was sinnvoll ist

Die Baubranche wird digitaler. Auch beim Sigeko-Plan gibt es mittlerweile Tools, die helfen können:

Dokumenten-Management-Systeme: Alle Unterlagen zentral ablegen. Gefährdungsbeurteilungen, Schulungsnachweise, Prüfprotokolle. Zugriff für alle Beteiligten. Vorteil: Nichts geht verloren, alles ist auffindbar.

Checklisten-Apps: Für tägliche oder wöchentliche Kontrollgänge. Sie gehen mit dem Tablet über die Baustelle, haken ab, machen Fotos bei Mängeln. Das spart Papier und ist übersichtlicher.

Bautagebuch-Software: Verknüpft mit Sicherheitsthemen. Dokumentiert, wer wann eingewiesen wurde, welche Mängel festgestellt und wann behoben wurden.

Wichtig: Die Tools ersetzen nicht den menschlichen Verstand. Sie sind Hilfsmittel. Wenn Sie keinen Plan haben, hilft auch die beste App nicht.

Was Sie jetzt tun sollten

Wenn Sie bis hier gelesen haben, wissen Sie: Der Sigeko-Plan ist kein Papiertiger. Er ist rechtlich verpflichtend und kann – richtig gemacht – Ihre Baustelle besser machen.

Konkrete Schritte:

  1. Prüfen Sie Ihre aktuelle Situation. Haben Sie einen aktuellen Sigeko-Plan? Wird er gelebt oder liegt er im Schrank?
  2. Holen Sie sich einen qualifizierten SiGeKo. Wenn Sie noch keinen haben oder der bisherige nicht liefert, investieren Sie hier. Ein guter SiGeKo kostet Geld, spart Ihnen aber mittelfristig mehr.
  3. Binden Sie Ihre Bauleiter ein. Die müssen den Plan umsetzen. Wenn die nicht dahinterstehen, funktioniert es nicht.
  4. Schulen Sie Ihre Leute. Nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Zehn Minuten pro Woche können viel bewirken.
  5. Dokumentieren Sie alles. Schulungen, Kontrollen, Mängel, Maßnahmen. Im Ernstfall ist das Ihre Lebensversicherung.
  6. Überprüfen Sie alle vier Wochen. Setzen Sie sich mit dem SiGeKo zusammen. Was läuft gut? Wo hakt es? Was muss angepasst werden?

Fazit: Sicherheit rechnet sich

Sicherheit auf der Baustelle ist kein Kostenfaktor – sie ist eine Investition. Jeder vermiedene Unfall spart Ihnen Geld, Ärger und schlaflose Nächte. Der Sigeko-Plan ist das Werkzeug dafür.

Ja, er bedeutet Aufwand. Ja, er kostet Geld. Aber die Alternative kostet mehr. Deutlich mehr.

Wenn Sie es richtig angehen, profitieren Sie gleich mehrfach: Weniger Unfälle, geringere Ausfallzeiten, bessere Organisation, zufriedenere Mitarbeiter. Und Sie schlafen ruhiger, weil Sie wissen, dass Sie Ihre Pflichten erfüllt haben.

Letztlich geht es um Menschen. Um Ihre Monteure, die morgens gesund auf die Baustelle kommen und abends gesund nach Hause gehen sollen. Das sollte Grund genug sein.

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